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Babybauch und Chemoglatze – Interview mit Autorin Sandra Röpe

Posted in Muttergefühle

Eine Frau. eine Schwangerschaft. Eine Chemotherapie – Die Geschichte von Sandra Röpe hat mich sofort ins Herz gestochen und nicht mehr losgelassen. Um so glücklicher bin ich, dass sie mir zu diesem Interview bereit stand.

Liebe Sandra,

es ist ganz komisch jetzt mit dir zu sprechen, denn soeben habe ich dein Buch „Babybauch und Chemoglatze“ fertig gelesen – verschlungen trifft es wohl eher. Ich habe viel mit dir geweint, aber auch mit dir gelacht und ich habe das Gefühl, ich kenne dich schon sehr gut.

Wir stammen nicht nur aus dem gleichen Jahrgang (1982), sondern sind auch (zumindest teilweise) zur gleichen Zeit mit unserem zweiten Kind schwanger gewesen. Aber fangen wir von vorne an:

Wie war dein Leben vor der 2.Schwangerschaft?

Erst einmal danke ich Dir für Dein Interesse an meiner Geschichte. Ich freue mich, dass Du über mich in Deinem Blog schreiben möchtest.

Zurück zur Frage… Ganz ehrlich muss ich da kurz überlegen… Die Zeit vor der Schwangerschaft bzw. Diagnose kommt mir so unwirklich, so weit weg vor. Ich würde sagen, ich habe ein normales Leben geführt. Mein Glück war perfekt: Ich habe 2012 geheiratet, 2012 kam dann auch unser erster Sohn Matthis zur Welt. Mein Mann und ich haben dann ein Haus gekauft und wir sind zu Dritt in unser eigenes Heim im November 2013 eingezogen. Vorher wohnten wir zur Miete. Wir planten schon: 2015 soll das nächste Kind zur Welt kommen. Alles in Allem schien perfekt!

Was ist dann passiert?

Ich wurde im September 2014 schwanger. Übrigens war ich im September sogar noch bei der Brustkrebsvorsorge – und zu diesem Zeitpunkt gab es definitiv noch keinen sichtbaren oder gar tastbaren Knoten in meiner Brust.

Leider habe ich das Kind früh verloren. Gott, was hab ich geheult! Vor Matthis hatte ich ebenfalls schon ein Kind verloren. Naja… Wir ließen uns nicht entmutigen und starteten direkt den nächsten Versuch. Im Oktober 2014 hielt ich dann den nächsten positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Das ging ruck-zuck. Nachdem dann die 12. Schwangerschaftswoche rum war und die Schwangerschaft problemlos verlief wurde aus unserem geplanten und bereits in Angriff genommenen Arbeitszimmer ein Kinderzimmer.

Wenn du dich an den Moment der Diagnose zurück erinnerst, welche Gedanken gingen dir da durch den Kopf?

Mir wurde der Boden unter den Füßen weggezogen. Ich fiel in ein nicht enden wollendes Loch. Neben „Wann werde ich sterben? Wen lädt man nur zur Beerdigung ein? Ich sollte zu Hause den Bestatter anrufen und alles planen, damit mein Mann keine Last damit hat…“ gingen mir Gedanken wie „Meine Kinder werden Halbwaise und mein Mann Witwer sein“ durch den Kopf. Ich stand komplett unter Schock. Und danach habe ich einfach nur noch funktioniert. Wie eine Maschine. Ich tat das, was mein Bauchgefühl mir riet. Und mein Bauchgefühl stimmte mit den Empfehlungen der Ärzte überein.

Ehrlich gesagt hatte ich vor dieser Diagnose die Ansicht „Man kann während der Schwangerschaft ja eh nix machen“. Nachdem mir die Ärztin meine Frage: „Chemo? Können wir nicht warten, bis unser zweites Kind geboren ist?“ beantwortete mit: „Sie wollen Ihre beiden Kinder doch aufwachsen sehen, oder?“ entschied ich ziemlich schnell. Ich hatte Scheißangst davor, zu sterben. Ich musste schließlich auch an Matthis denken.

Du bist ja zu diesem Zeitpunkt schon Mutter gewesen. Wie habt ihr eurem Sohn Matthis deine Krankheit erklärt und wie hat er darauf reagiert?

Zuerst bekam er wenig von der ganzen Sache mit. Doch irgendwann würden meine langen blonden Haare durch das Chemomedikament ausfallen, das war zu 100% sicher. Bis dahin wollten wir nicht abwarten. Eines Morgens fasste ich mir ein Herz und erzählte ihm, dass meine Brust krank ist. Das Wort „Krebs“ haben wir bewusst nicht verwendet. Matthis schlug mit kindlicher Selbstsicherheit vor: „Mama, dann musst Du viel schlafen, dann bist Du schnell wieder gesund.“ Ich war so gerührt, wie er sich gedanklich kümmerte, dass mir die Tränen so übers Gesicht liefen. Ich stimmte ihm zu und erklärte ihm noch, dass mir die Ärzte nun helfen und mir Medizin geben, von denen allerdings meine Haare ausfallen würden. Und wir erklärten ihm, dass dies nur bei meiner Medizin passiert. Ansonsten hätte er mit Sicherheit nicht einmal mehr Hustensaft von uns angenommen.

Einige Tage, nachdem wir Matthis erzählt haben, dass meine Brust krank ist, kam er mit seinem Arztkoffer an und verkündete strahlend: „Mama, ich mach Dich wieder gesund.“ Ich flehte in Gedanken einfach nur: „Bitte, ich darf auf keinen Fall sterben“.

Wir haben Matthis dann nach und nach erzählt, was passiert. Wir haben große Sorge gehabt, dass er denkt, das Baby sei daran schuld, dass ich krank bin und ständig ins Krankenhaus muss. Von daher haben wir immer weitestgehend offen und kindgerecht mit ihm geredet. Und: Er hat die gesamte Therapie durch nicht einmal das Baby und die Krankheit in Verbindung gebracht.

In deinem Buch wird ganz schnell deutlich, was für eine unfassbar starke Frau du bist. Du selbst fügst aber auch hinzu, dass du es vor dem Krebs nicht warst. Woher kam / kommt diese Kraft?

Stark? Herrje, so sehe ich mich gar nicht. Stimmt, vor dem Krebs sah ich mich auch überhaupt nicht so. Nach der Diagnose habe ich einfach das getan, was in meinen Augen richtig schien: Ich wollte unser Baby zur Welt bringen, aber genauso mein Leben retten. Ich schätze, dass die meisten Mütter diesen Weg gewählt hätten und kenne mittlerweile sogar viele, die genauso entschieden haben.

Es hätte auch die Möglichkeit gegeben, das Baby abzutreiben, du hast dich sofort und instinktiv dagegen entschieden. Wie hast du dich damit auseinander gesetzt, dass deine 2 Kinder eventuell ohne Mama aufwachsen müssen?

Damit habe ich mich nie auseinander gesetzt, da dies keine Option war. Ich hätte mich damit erst beschäftigt, wenn die Therapie nicht angeschlagen hätte und der Krebs sich weiter ausgebreitet hätte. Aber so brauchte ich meine volle Energie dafür, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen und selbst am Leben zu bleiben.

Ich kenne keine Situation, in der sich Leben und Tod näher stehen könnten als in deiner. Wie geht man mit einer solchen Situation um? Gerade im Bezug auf das Baby möchte man doch nur positive Gefühle und Gedanken haben.

In Bezug auf das Baby hatte ich nur positive Gefühle und Gedanken. In Bezug auf die Schwangerschaft war das nur leider einfach nicht möglich. Ich habe nach der Diagnose versucht, normal schwanger zu sein. Dies gelang mir nicht, denn ich war einfach nicht normal schwanger. Ich stand zwischen zwei Welten. Die eine Welt war die der glücklichen, lachenden und sich auf harmonische Entbindungen freuenden Mütter, die nichtmal Paracetamol bei Kopfweh genommen hätten (so war ich bei Matthis ja auch, ich konnte das verstehen). In dieser Welt fühlte ich mich somit mehr als falsch. Ich musste (zum Glück) aus therapiebedingten Gründen einen Vorbereitungskurs absagen. Was hätte ich in der Vorstellungsrunde den Schwangeren auch sagen sollen? „Hey, ich bin Sandra, ich bin 33 Jahre alt, ich habe einen sehr aggressiven Brustkrebs und mein Kind muss ständig überwacht werden, weil ich mich in einer Chemotherapie befinde.“ Vor meinem inneren Auge sehe ich Mutter Nadine neben mir sitzen, die nach dieser Aussage erst Schnappatmung und dann verfrühte Wehen bekommt.

Die andere Welt war die der Krebspatienten, die teilweise wenig Lebensmut hatten, unter der Chemotherapie sehr schwach und blass aussahen und schon große Kinder hatten.

Beide Welten hatten eins gemeinsam. Die Frage: „Was, eine Chemo ist möglich, wenn man schwanger ist? Tut das dem Baby nichts?“ Ich hätte bei der Frage regelmäßig ausflippen können. Ich fühlte mich so hilflos. Es lagen Studien vor, die belegen, dass genau dies möglich ist. Dass unter Chemotherapie ganz gesunde Babys zur Welt kommen. Ich hoffte und betete dafür, mein Muttergefühl sagte mir: „Es ist alles gut, es wird gut gehen.“ Ich antwortete auf die Frage immer nur kurz und knapp: „Jupp, das geht.“ Zu mehr fehlte mir die Kraft.

Ich war somit in beiden Welten nicht zu Hause. Also versuchte ich, mir meine eigene Welt aufzubauen. Die „Schwanger-Krebs-Welt“. Darin lebte ich dann ganz gut.

Ich glaube ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass du dein Baby schon bekommen hast. Wie geht und ging es Noah und welche Auswirkungen hatte die Chemotherapie auf ihn?

Wir feierten erst vor kurzem sehr ausgiebig und freudig seinen 1. Geburtstag! Er hat von der Chemotherapie nichts abbekommen und ist einfach ein toller Junge.

Wie hat der Krebs dich in deinem Muttersein verändert?

Gar nicht. Ich bin und bleibe eine tolle Mutter, ob mit oder ohne Krebs. Verändert hat sich allerdings meine Sichtweise auf viele Dinge. Ich lebe jeden Tag so, als sei es der Wertvollste. Und das versuche ich auch, meinen Kindern zu vermitteln. Dass jeder Tag etwas Besonderes und ein Geschenk ist.

Gibt es noch irgendetwas, das du hinzufügen möchtest?

Seinen Traum zu leben, von Herzen alles geben, seinen Wünschen nachgehen, fest im Leben stehen…. Nur wo es hinführt, das ist noch geheim. Dein Weg wird Deine Zukunft sein. Es meistern, das ist unsere Pflicht. Das Leben ist schön – vergiss das nicht!

Wer mehr von Sandra und ihrer Geschichte erfahren will, sollte schleunigst zum Buchhändler eilen und das Buch „Babybauch und Chemoglatze“ bestellen. Natürlich ist es auch online zu bekommen (für ungeduldige Mamas, wie mich der schnellste Weg). Sandra ist auch bei Facebook und bei Instagram zu finden.

Achtung, Gewinnspiel: Eine/r von Euch hat die Chance bis Sonntag 26.06.16 (22:00) ein signiertes Exemplar zu gewinnen. Hierzu mehr auf meiner Instagram Seite.

Ein wunderschönes und schockierendes Bild zugleich, das Sandra als ihr Buchcover gewählt hat.
Ein wunderschönes und schockierendes Bild zugleich, das Sandra als ihr Buchcover gewählt hat.

Ich freue mich auf Eure Kommentare zu diesem Interview!

4 Comments

  1. Berührende Geschichte einer starken Frau undMutter! ?

    25. Juni 2016
    |Reply
    • Katjaschiller
      Katjaschiller

      ? Mich hat sie auch sehr beeindruckt

      25. Juni 2016
      |Reply
  2. sarina.dp
    sarina.dp

    so eine berührende Geschichte

    26. Juni 2016
    |Reply
    • Katjaschiller
      Katjaschiller

      🙂

      26. Juni 2016
      |Reply

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