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Erwarten Eltern zu viel von der Gesellschaft?

Posted in Muttergefühle

Seit ein paar Tagen beschäftigt mich dieser Satz eines Kommentators, den ich auf dem Blog von Sarahplusdrei zum Thema Kinderunfreundlichkeit gelesen habe. „Eltern[, die] denken die Welt dreht sich nur um sie[,] sind auch schrecklich.“ Sarah wurden bei einem Langstreckenflug die „Babyplätze“ in der ersten Reihe von der Airline verweigert und keiner der dort sitzenden (kinderlosen) Passagiere tauschte mit ihr den Platz. (den Beitrag findest du hier)

Stimmt es also, dass wir Eltern in vollkommener Selbstverständlichkeit Dinge von anderen Menschen verlangen, die überzogen sind?

Ein Gedankenspiel

Stell dir mal vor, du gehst mit deiner Freundin in ein Restaurant, willst endlich mal in Ruhe quatschen und der Kellner platziert euch ausgerechnet neben dem Zehnertisch, an dem eine Gruppe Pärchen sitzt, die sich lautstark unterhält. Es ist wirklich schwer sich auf das Gespräch zu konzentrieren, aber irgendwie schafft ihr es doch mehr oder minder. Es ärgert dich, weil du deine Freundin doch so lange nicht gesehen hast.

Gehst du aber hin und beschwerst dich? Wohl kaum.

Ich war schon Bestandteil der großen Gruppe, genauso wie der kleinen. Weder habe ich als Teil der Gruppe je jemanden darauf hingewiesen, dass es zu laut sein könnte, noch habe ich mich je bei solch einer Gruppe als Außenstehender beschwert. So sind Gruppen nunmal. Pech gehabt.

Nun stell dir vor, du kommst von einem anstrengendem Tag bei der Arbeit, stehst in einem überfüllen Bus und auf einmal muss nochmal enger zusammen gerückt werden, weil ein Rollstuhlfahrer einsteigen will.

Na, rückst du noch enger zusammen, oder sagst du, dass der Rollstuhlfahrer gefälligst auf den nächsten Bus warten soll? Ich wette du machst Platz.

Warum? – Weil es sich in einer Gesellschaft so gehört. Der Rollstuhlfahrer kann schließlich nichts dafür, dass er mehr Platz braucht, genau so wie jeder von uns für alte Leute seinen Sitzplatz aufgibt.

Bei uns Müttern ist es anders, im Gegensatz zu den Alten und Behinderten haben wir uns unser Schicksal selbst ausgesucht. Wir Mütter, wir trinken ja eh nur den ganzen Tag Kaffee (ok, das stimmt vielleicht, aber nicht so wie es das Klischee besagt) und könnten ja zu jeder x-beliebigen Tageszeit Bus fahren, da kann man schon mal `nen Spruch bringen!

Und im Restaurant sieht es als Mutter auch auf einmal ganz anders aus:

Tausche die große Gruppe mit einer Familie und abends mit tagsüber, schon geht das Gemecker los. Obwohl Mütter und Väter ihre Kinder ständig zurecht weisen, etwas leiser zu sein, und sichtlich darum bemüht sind, die anderen Gäste nicht zu stören, werden sie böse angeguckt und nicht selten wird lautstark kommentiert, oder direkt angesprochen.

Ist der Geräuschpegel einer Familie wirklich stärker und nerviger, als der einer großen Gruppe Erwachsener? Nein. Aber es ist leichter auf die vermeintlich Schwächeren zu gehen, als 10 Erwachsenen den Mund zu verbieten.

Wir Familien brauchen mehr Platz in den öffentlichen Verkehrsmitteln, unsere Kinder sind laut, hibbelig und aufgeregt, gerade an Orten, an denen sie still sein sollen. Natürlich sind wir auf die Rücksicht und die Toleranz der anderen Menschen angewiesen. Aber ist das nicht normal in einer Gemeinschaft?

Muss ich, der Gesellschaft zu liebe, mein Leben komplett ändern, nur weil ich Mutter geworden bin? Kann ich am gesellschaftlichen Leben nicht mehr teilnehmen, nur weil mein Kind die Allgemeinheit stören könnte? Nein. Wir sind auch Teil der Gesellschaft, genau wie laute Gruppen, Raucher, gestresste Manager, laut telefonierende Menschen, alte Leute und Behinderte. Und trotz der großen Umstellung, die ein Kind mit sich bringt, bedeutet es nicht, dass wir Eltern auf banale Dinge wie Essen gehen, Busfahren oder in den Urlaub fliegen verzichten müssen, nur weil unser Kind jemanden stören könnte.

In Zeiten, in der die Alterspyramide sich fast umgekehrt hat, ist es unsere Pflicht rauszugehen und unser Leben erfüllt zu Leben, anderen zu zeigen, dass das Leben nicht zu Ende ist, nur weil man ein Kind hat. Wir müssen Lust darauf machen Kinder zu bekommen! Mir ist zwar klar, dass mein Kind während eines Tobsuchtsanfall nicht gerade Werbung für Fortpflanzung macht, aber die macht es dann die anderen 5 Male, bei denen es sich gut benimmt.

Liebe Eltern lasst euch nicht von Kommentaren, bösen Blicken oder Sprüchen davon abhalten ein gesellschaftliches Leben zu führen – mit und trotz Kinder.

Wir dürfen Rücksicht einfordern, denn wir halten die Zukunft dieser Gesellschaft an den Händen und sorgen dafür, dass der, der dort meckert und nicht für uns Platz machen will, später von unserem Nachwuchst gepflegt, finanziert und regiert wird!

Hochzeiten gehören zu den wenigen gesellschaftlichen Events, an denen Kinder akzeptiert sind - leider gibt es sogar hier Ausnahmen
Hochzeiten gehören zu den wenigen gesellschaftlichen Events, bei denen Kinder akzeptiert sind – leider gibt es sogar hier Ausnahmen

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6 Comments

    • Katja
      Katja

      Vielen Dank ?

      26. Juli 2016
      |Reply
  1. Ein wirklich toller Beitrag! Das Thema braucht definitiv Platz -> in der Gesellschaft! Ich habe mir nach meinem Artikel, oder besser dem Feedback darauf, auch viele Gedanken gemacht. Der Artikel dazu wird in zwei Wochen erscheinen. Das was uns bleibt ist wohl unsere Stimme und ich hoffe sehr, dass aus wenigen viele werden und sich die Gesellschaft vielleicht doch irgendwann ändert. Herzliche Grüße, Sarah

    26. Juli 2016
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Liebe Sarah!
      Vielen Dank und ich bin schon sehr gespannt auf deinen Artikel ?
      Liebe Grüße
      Katja

      26. Juli 2016
      |Reply
  2. Anabela
    Anabela

    Ein toller Kommentar. Und super und treffend geschrieben. Als wir geflogen sind, hab ich mir sorgen gemacht, dass wir hoffentlich di anderen Passagiere nicht stören ? Aber sie hat sich vorbildlich verhalten ?

    26. Juli 2016
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ja, und das geht doch den meisten Eltern so, wir versuchen das Kind möglichst so zu beschäftigen, dass es niemanden stört und dafür brauchen wir eben manchmal mehr Platz ? Schön, dass es bei euch so gut geklappt hat.

      27. Juli 2016
      |Reply

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