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Geburtsmerkmal: multikulturell – Zwischen Biergarten und 1001 Nacht

Posted in Gastbeiträge

Ich bin ein „Mischlingskind“. Mein Vater stammt aus dem Iran und meine Mutter ist Deutsche. Ich bin mit beiden Kulturen aufgewachsen und nun selbst Mutter.

Die deutsche und die persische Kultur könnte unterschiedlicher nicht sein. Wir nennen uns übrigens lieber „Perser“, das klingt mehr nach Aladdin und weniger nach Achse des Bösen.
Kopftuch vs. Dirndl. „Schwein ist unrein“ vs. „Es gibt nix feiners wia a Schweiners“. Alkoholverbot vs. Oktoberfest.

Essen. Mentalität. Klima. Regeln. Politik. Etikette. Alles geht in zwei Extremen auseinander.
Ich habe als Kind im Iran nicht verstanden, wieso ich keine Schinkenpizza bekomme. Oder wieso meine Eltern heimlich Dosenbier am Strand getrunken haben, das mein Onkel geheimnistuerisch von irgendwo her gezaubert hat. Wieso ich zu einer bestimmten Zeit im Jahr nicht in der Öffentlichkeit essen durfte. Wieso wir Neujahr zweimal gefeiert haben, im Dezember und März. Oder wieso „ich klau dir dein Kopftuch“ kein gesellschaftlich anerkanntes Spiel war.
Andersrum habe ich zu Hause in Deutschland nicht verstanden wieso hier niemand die typische Gelassenheit mit sich bringt. Oder wieso alle immer pünktlich sein wollen. Wieso man hier nicht einfach andauernd Besuch zu Hause hat oder selbst ständig Leute besucht. Wieso die meisten Menschen reserviert und kühl sind und sich niemand zur Begrüßung Küsschen gibt. Wieso man hier nie Preise verhandelt. Wieso das Wetter hier nicht so schön ist.

Jetzt habe ich ein Bayerisch-Schwäbisch-Persisches Kind in die Welt gesetzt. Das muss man erstmal verdauen.
Meine Schwester, die mein Ein & Alles ist und die wir hoffentlich noch oft besuchen, lebt mit ihrer Familie in Amerika. Kulturschock hoch zehn. Das arme Kind.

Wird er jetzt automatisch zum Kosmopolit oder kriegt er nen Knall? Wenn er später mal schlecht in der Schule ist,
kann ich dann vom Arzt ein Attest holen und dem Lehrer erklären: „Haben Sie Verständnis – er hat seit seiner Geburt chronische kulturelle Verwirrtheit.“
Vielleicht passt diese ungewöhnliche Mischung von Genen ja überhaupt nicht zusammen und er bekommt irgendwann eine Art allergischen Schock.
Pickt er sich die positiven, typischen Verhaltensmerkmale heraus oder wird er zu einer Art feuerspuckendem AfD-Ahmadinejad-Donaldtrumpzilla, dem Grauen eines jeden Erdenbürgers?
Wie läuft sowas ab? Die Erziehung eines „Mehrkulturenkindes“ – Montag: Koranschule. Dienstag: Jodeln. Mittwoch: Spätzleschaben für Anfänger. Donnerstag: Teppiche knüpfen mit Wurstfingern, Grundkurs. Freitag: Schuhplattln. Samstag: Bergwanderung richtung Mekka. Sonntag: Schreiben und Lesen von rechts nach links und umgekehrt.

Ich für meinen Teil bin jedenfalls froh, mit beiden Kulturen aufgewachsen zu sein. Ich werde alles dafür tun, ein weltoffenes, tolerantes und wissbegieriges Kind heranzuzüch.. ziehen, heranzuziehen!
Ich werde ihm alles erklären, sofern mein Wissen dazu ausreicht. Wieso der eine Opa immer so laut in gebrochenem Deutsch schreit und der andere nicht, warum die Banane krumm ist, die Mama so klein und der Papa so groß, wieso es bei der Tante Nacht ist wenn bei uns schon wieder ein neuer Tag angefangen hat. Ein persisches Sprichwort sagt: „Wer sein Kind liebt, schickt es auf Reisen.“
Ich hoffe, das wird er einmal tun – um zu sehen, wo er überall zu Hause ist.

Über die Autorin:

Simone aka PinkPersianUnicorn
Simone aka PinkPersianUnicorn

Simone ist Mutter eines 6 Monate alten Jungens und lässt uns auf Instagram unter dem Synonym Pinkpersianunicorn auf witzig-selbstironische Weise an ihrem Leben als Neu-Mama teilhaben. Hier treffen nicht selten die persische und die urbayrische Kultur, die sie geprägt haben, schonungslos aufeinander.

 

 

 

 

 

Na, ihr habt sicher schnell gemerkt, dass hier jemand anderes schreibt! Lasst Simone doch mal einen Kommentar da, wie es euch mit ihr gefallen hat!

9 Comments

  1. Birgit
    Birgit

    Liebe Simone,
    Ich hab so gelacht über dein Wirrwarr der Kulturen! Daran sieht man doch, das es geht, sich auf einander einzulassen!
    Ich wünsche dir und dem Baby viel Spaß in allen Kulturen!

    2. August 2016
    |Reply
    • Simone Nakhostin
      Simone Nakhostin

      Danke dir! Freut mich, dass ich dich zum Lachen bringen konnte 🙂 LG

      3. August 2016
      |Reply
  2. Klaudia
    Klaudia

    Mösi!!! Auch hier chapeau an dich und deine Wörterkunst. Und mögen deine Hände niemals schmerzen! (Ich liebe die persische Kultur und habe schon einiges gelesen!) Ich selbst stehe nur zwischen schlesischen und deutschen Stühlen, aber das reicht oftmals schon für einen Kulturschock aus ?

    2. August 2016
    |Reply
    • Simone
      Simone

      Oooh, da kennt jemand ein weiteres persisches Sprichwort! 🙂 Auch zwischen schlesischen und deutschen Stühlen kann es zum Kulturschock kommen! Genau wie mit Bayern und Deutschland – aber so wirds nie langweilig! 🙂

      3. August 2016
      |Reply
  3. Liebe Simone,

    Dein Artikel ist herrlich! So erfrischend geschrieben. Und auch das Thema ist super, denn wir sind EINE Welt, in der unterschiedliche Kulturen zusammentreffen und man davor nicht mehr die Augen verschließen kann und sollte. Im Gegenteil: wie Du sagst, sollten wir das Beste für uns aus jeder Kultur mitnehmen! Ich selbst bin in vielen Dingen manchmal typisch deutsch und wäre oft gerne gelassener. Dein Sohn hat die Chance von Anfang an zu sehen und zu (er)leben, dass es verschiedene Arten zu Leben und nicht nur eine Wahrheit auf der Welt gibt. Was für ein großes Glück!

    Habt eine schöne Zeit, überall auf der Welt!
    LG Lotti

    3. August 2016
    |Reply
    • Simone
      Simone

      Danke für die lieben Worte! <3 Liebe Grüße 🙂

      3. August 2016
      |Reply
  4. Petra KOCH
    Petra KOCH

    Liebe Simone, all das, was du geschrieben hast, ist das, was ich schon lang leb, erleb und meinen Söhnen mit auf den Weg gegeben habe. Bin stolz auf solche Frauen wie dich und zuversichtlich, dass nur so unser Leben zu meistern ist. Petra

    3. August 2016
    |Reply
  5. Mösi du witziges Wesen. Toll geschrieben, könnt ewig weiterlesen. Aber das kannst du! Über dich selbst lachen und mal ehrlich sein. ?? Weiter so! Gekünstelt, aufgesetzt und Fake kann echt jeder! I sreh drauf!

    13. August 2016
    |Reply
  6. Kathrin
    Kathrin

    Hallo Simone, finde deinen Bericht spannend?. Ich bin Deutsche und mein Mann Iraner und wir haben ein 1jähriges „Mischlingskind“, obwohl jeder mit dem man spricht sagt, das Mischlingskind das falsche Wort ist. ?Unsere Tochter ist wunderschön und sie ist einfach einzigartig. Wir sind wirklich gespannt wie sie zwischen den Kulturen sich entwickelt und aufwächst.

    23. November 2016
    |Reply

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