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Was ich alles habe – Alles, was ich habe

Posted in Muttergefühle

Und da sitzt sie vor mir, meine liebe Freundin, lächelt mich sanftmütig an, während sie mir ihre brutal ehrlichen Worte mitten ins Gesicht schlägt. Sofort schiessen die Tränen aus meinen Augen. Ein Gefühl das ich nun schon seit Tagen kenne. Aber noch nie haben die Tränen so weh getan wie heute.

Es muss wohl weh tun, wenn die Welt wieder an den rechten Platz gerückt wird. Ich hatte mich verirrt.

Von vorne. Die Menschen im Krankenhaus hatten am Freitag ein Herz und besorgten mir einen Termin zur Besprechung des Befundes der Konistaion (hier schrieb ich darüber). Noch am selben Tag – statt eine Woche später – sitze ich  bei der Ärztin und sie spricht aus, was ich irgendwie schon erahnt hatte. Sie haben in dem Kegel, der aus meinem Gebärmutterhals entfernt wurde die frühste Stufe von Krebs entdeckt.

Das Gute: Er ist schon entfernt und sie gehen davon aus, dass ich aktuell krebsfrei bin.

Das Schlechte: Es wurden bei der gleichzeitig durchgeführten Ausschabung weitere Zellen gefunden, die den Krebs bilden können. Und weil ich noch jung bin, könnte ich den Krebs sehr schnell wiederbekommen. Das bedeutet: Ein Abstrich zur Überwachung ist nicht mehr sicher genug.

Die Ärztin erklärt mir, dass es nun zwei Möglichkeiten für mich gibt:

  1. Entfernung des Gebärmutterhalses: hat den Vorteil, dass ich so noch die Möglichkeit hätte ein Kind zu bekommen (zeitnah). Mit Risiko auf Fehl- und Frühgeburt, aber dennoch möglich. Nach Geburt des Kindes müsste der Gebärmutterkörper dennoch sehr wahrscheinlich entfernt werden.
  2. Entfernung des Gebärmutterhalses und des Gebärmutterkörpers: Hat den Vorteil, dass ich mit sehr sehr großer Wahrscheinlichkeit danach geheilt bin und keine Chemotherapie oder Bestrahlung brauche. Die Familienplanung wäre somit aber abgeschlossen.

Die Ärztin macht mir sehr deutlich, dass die zweite Option ihre Empfehlung ist, wenn es nur um mich als Patientin geht und der Faktor Kind nicht mit einbezogen wird. Und ich sage ganz instinktiv, dass ich das möchte. Und so machen wir einen Termin für die OP in 6 Wochen aus.

Meine Gedanken schreien mich an. Meine Tränen fliessen immer wieder und ich bin froh, dass mein Mann mit mir ins Krankenhaus gekommen ist und alles mit anhören konnte.

Ich bin also diese „weniger als eine Frau von 100“ die mit dem HP Virus infiziert ist und tatsächlich Krebs bekommt.

Zu Hause frage ich meinen Mann, was er denkt. Und seine Antwort ist ganz klar: „Wir haben zwei tolle Mädchen, mehr brauche ich nicht. Es ist wichtiger, dass du gesund bist“.

Abends lege ich mich ins Bett und meine Gedanken schreien immer noch. Ich liege neben meiner Tochter und ein bitter-süßer Schmerz erfüllt meine Brust. Soll sie mein letztes Baby sein? Soll ich nie wieder einen Kinderwagen mit meinem eigenen Baby schieben? Nie wieder stillen. Nie wieder Babyhändchen im Gesicht. Kein kleines Wesen mehr, das ich auf die Welt bringen werde.

‚Ist das die richtige Entscheidung?’, hämmert es immer wieder gegen meinen Kopf. 

Meine Schwiegermutter hat mit 44 ihr drittes Kind bekommen. Ich bin 34. Kann ich jetzt schon entscheiden, dass ich die nächsten 10 Jahre kein weiteres Kind will? Milou ist erst 1. Woher soll ich wissen, ob nicht schon in einem Jahr Platz für ein weiteres Baby wäre?

Und obwohl ich eigentlich immer gesagt habe, dass ich nur zwei Kinder möchte, schreit die Stimme in meinem Kopf: Als Kinderlose wolltest du zwei, aber was wissen denn schon Kinderlose.

Das ganze Wochenende fallen mir nur noch Familien mit 3 Kindern ein und sie alle kommen mir so perfekt vor. Überall werden Schwangerschaften verkündet und jede von ihnen spuckt mir ins Gesicht: „Na, das willst du wirklich nicht mehr?“ Ich habe so große Angst davor, die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Was, wenn ich die Entscheidung eines Tages bereuen werde.

Und weil diese Gedanken mich gar nicht mehr los lassen wollen, weil alles in meinem Kopf nur noch Baby schreit, rede ich wieder mit meinem Mann. Er sagt:“Wir können uns ja nochmal beraten lassen!“ Aber ich habe nicht das Gefühl, dass ich mehr Informationen brauche. Ich weiß einfach nicht mehr, welches die richtige Entscheidung für mich ist.

Und schon sitze ich da. An diesem Tisch. Mit der besagten Freundin.

Und sie ist es, die meine Welt wieder ins rechte Licht setzt. Nicht weil sie es will. Sondern weil sie es muss. Und dazu braucht sie nur zwei Sätze.

„Also ich weiß genau, wie ich entscheiden würde. Denn ich weiß, wie es ist seine Mutter mit 16 zu verlieren!“

Sofort muss ich weinen. Über all die Babywunsch-Gedanken hatte ich das Kostbarste, was ich habe vergessen. Ich hatte ausgeblendet, dass es hier um ihre Zukunft geht. Die Zukunft meiner Kinder. Mit mir.

Und auf einmal verzieht sich der Gedankennebel und die Welt ist wieder klar. Und ich habe Platz zum Weinen. Platz über diese Diagnose zu trauern. Vor allem aber habe ich wieder Platz  zu sehen, was ich alles habe. – Alles, was ich habe.

Heute Nachmittag bringt Ida dieses Bild mit: (v.l.n.r.) Papa, Tante Anne, Cousine Flora, Cousine Ava, Mama mit Milou und Ida  – Ach, wir haben eine riesige Familie und es ist besser, wenn keiner mehr kommt, als wenn einer geht.

42 Comments

  1. Liebe Katja, schon beim Lesen deines Beitrags kann ich deine Emotionen und Tränen regelrecht fühlen. Was richtig oder falsch ist kann hier keiner entscheiden außer du selbst. Es gibt keine Garantien dafür was gut und was schlecht gehen kann. Aber du hast zwei wundervolle Töchter und deine Freundin hat recht. Warum auf Risiko gehen wenn du es doch eigentlich nicht „musst“ (im Sinne von: du hast noch keine Kinder und möchtest unbedingt eins haben). Ich drücke dich!

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ich drücke dich auch! ?

      25. Januar 2017
      |Reply
  2. Liebe Katja,

    wäre ich deine Freundin hätte ich dir das gleiche geraten! Ich verstehe es total diese Endgültigkeit zu akzeptieren, fällt bestimmt total schwer, aber es ist die richtige Entscheidung und du wirst sie nicht bereuen! ❤ Und: Wir sind auch eine Familie mit zwei Mädels!!!! Und ein Drittes wird es auch bei uns nicht geben! Also denk an uns, wenn dich mal wieder so ein Gedanke beschleicht, ?
    Danke für deine offenen Worte!
    Ich drück dich!
    Sylvi

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Das werde ich! Und da fallen mir auch sonst noch ein paar perfekte 2 Kind Familien ein?

      25. Januar 2017
      |Reply
  3. Kathrin
    Kathrin

    Katja, es tut mir leid, dass du das durchmachen musst! Ich glaube fest daran, dass uns solche Dinge gegeben werden, um an ihnen zu wachsen. Deine Mädchen haben großes Glück, dass sie dich als Mama haben!!!
    Fühl dich gedrückt!

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Liebe Kathrin, daran glaube ich auch ❤️ Danke

      25. Januar 2017
      |Reply
  4. wolkenkind
    wolkenkind

    Ich weine mal wieder mit dir liebe Katja. Ich drück dich aus der Ferne.

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ach liebe Monique, ich drück dich zurück!

      26. Januar 2017
      |Reply
  5. Patricia
    Patricia

    Ganz viel Liebe sende ich. einfach so. ohne dich zu kennen.

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Danke! ❤️

      25. Januar 2017
      |Reply
  6. Liebe Katja,

    du bist echt so stark! Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Aber du sollst wissen, ich denk an dich. Und wünsche dir alles alles gute! Lieber Gruß, Sonja

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Vielen Dank liebe Sonja!

      25. Januar 2017
      |Reply
  7. Julia
    Julia

    ❤️

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      ?❤️

      25. Januar 2017
      |Reply
  8. Ach wie wunderbar. Du hast ja so recht! Aber du darfst auch trotzdem traurig sein. Komisch, wenn man das Kinderwunschthema abschließen muss, obwohl man es nicht will. Geht mir grade genauso. Wenn auch aus viel weniger dramatischen Gründen. Ich wünsche dir soviel Kraft! Es wird alles gut.
    Katharina
    P.s.: es gibt auch ganz viele glückliche Familien mit zwei Kindern?

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Na das weiß ich doch eigentlich auch ? Und ja, das ist wirklich komisch.

      25. Januar 2017
      |Reply
  9. Liebe Katja! Ich kann es so sehr nachempfinden wie du dich fühlen musst! Ich hätte sicherlich auch eine gute, ehrliche Freundin gebraucht, die mich in meiner Entscheidung ein Stück weit beeinflusst..du hast dich absolut richtig entschieden! Ihr seid komplett. Ihr seid wundervoll. Grüße aus dem Norden & bis bald :-*

    25. Januar 2017
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    • Katja
      Katja

      Meine liebe Tina, vielen Dank! Ich freue mich schon darauf, dich im Mai zu sehen! 🙂

      25. Januar 2017
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  10. fühl dich gedrückt. mehr kann ich nicht sagen.
    liebe grüße.

    25. Januar 2017
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    • Katja
      Katja

      Musst du auch gar nicht! Liebe Grüße zurück!

      25. Januar 2017
      |Reply
  11. Heidi
    Heidi

    Oh wow Katja… so toll geschrieben und „einfach“ auf den Punkt gebracht. Einfach ist nicht immer einfach und manchmal sehen wir das Offensichtliche Glück und Geschenk nicht. Es tut mir leid, dass du durch diese Erfahrung musst und doch freu ich mich sehr für dich, dass du deinen Mann und deine Mädels und eine wunderbare Familie hast, die dich in diesen Tagen unterstützt. Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft!! Alles Liebe aus deiner alten Hood ?

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Danke liebe Heidi! So ist es wohl! Ich drück dich!

      25. Januar 2017
      |Reply
  12. Liebe Katja,

    ich finde es furchtbar, dass Du eine solche Entscheidung treffen und das alles durchmachen musst! Ich kann mir kaum vorstellen, wie schwer das sein muss. Ich wünsche Dir ganz viel Kraft und Unterstützung für die nächsten Wochen. Meine Argumente und Überlegungen wären auch die selben wie die Deiner Freundin gewesen.

    Fühl Dich gedrückt!

    Liebe Grüße
    Lotti

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Danke liebe Lotti!

      25. Januar 2017
      |Reply
  13. Die Entscheidung ist sicher keine Leichte. Aber ich finde, dass deine Freundin einen wahren Punkt anspricht. Meine Mama ist damals an Krebs gestorben, da war ich keine 2 Jahre. Ohne Mutter aufzuwachsen, ist wirklich sehr schlimm. Ich finde, du hast die „richtige“ Entscheidung getroffen und ich wünsche dir alles erdenklich Liebe und Gute und Glück für deinen weiteren Lebensweg!
    <3

    25. Januar 2017
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    • Katja
      Katja

      Ja, das hat mir auch den Kopf gewaschen. Das tut mir unendlich leid für dich! Lass dich drücken

      26. Januar 2017
      |Reply
  14. midas_mami
    midas_mami

    Katja, sei dankbar für das was du hast und denk an deine Familie, an deine Mäuse! Denk nicht daran was du noch mehr wollen WÜRDEST… Vielleicht, vielleicht auch nicht… Keine Frage, OP 2 und das genießen was du hast, wenn du unbeschwert leben kannst. Drücke dich ganz fest, Katrin

    25. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Danke liebe Katrin, manchmal
      sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht! Ich drücke dich auch

      26. Januar 2017
      |Reply
  15. Liebe Katja,
    ich habe bisher nichts zu dem Thema gesagt, irgendwie wusste ich nicht so recht was und las dann eher still mit. Auch wenn die Entscheidung dir sicher erst nicht leicht fiel, ich denke es ist die richtige. Meiner Mutter wurde auch die Gebärmutter entfernt, sie hatte ebenfalls Gebärmutterhalskrebs. Und auch wenn Mütter und Töchter sich nicht immer ganz grün sind, bin in froh dass sie es gemacht hat. Und Ida und Milou werden es ebenfalls sein, kein eventuelles Geschwisterchen könnte je eine Mama zu 100% ersetzen.

    Liebste Grüße
    Sarah

    26. Januar 2017
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    • Katja
      Katja

      Da hast du sehr recht! Danke, dass du jetzt doch etwas geschrieben hast ?

      26. Januar 2017
      |Reply
  16. Liebe Katja,
    das ist eine bittere Diagnose und ein sehr schöner, ehrlicher und klarer Text dazu. Danke dafür.
    Ich wünsche dir alles Gute!

    26. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Vielen Dank, liebe Dani!

      26. Januar 2017
      |Reply
  17. Liebe Katja,
    es tut mir total leid zu lesen, was du da durchmachen musst! Aber du hast dich total richtig entschieden – für das Leben! Und das ist das wichtigste! Das Leben mit deiner Familie – vor allem mit deinen zwei süßen Kindern! Ich schicke dir von Herzen ganz viel Kraft! Ganz liebe Grüße, Sonja

    26. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Liebe Sonja, vielen Dank, die Kraft kann man immer gut gebrauchen 🙂
      Ganz liebe Grüße zurück

      26. Januar 2017
      |Reply
  18. Andrea
    Andrea

    Wie kommt mir das bekannt vor… so gerne wollte ich noch ein zweites Kind… es hat geklappt, die Angst ist noch da. Der nächste Abstrich wird es entscheiden. Ich verstehe dich so gut, war aber zum Glück noch nicht ganz so „hoch“ im PAP. Ich drücke dich ganz fest und weiß, dass es im Leben leider nie schwarz und weiß gibt. Aber es gibt „Richtig anfühlen“… alles Liebe!!!

    26. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Vielen Dank! Ja, obwohl man es sich manchmal wünscht, aber viele verschiedene Graus sind ja auch schön

      26. Januar 2017
      |Reply
  19. Es gibt Entscheidungen die kann man erst treffen, wenn man sie treffen muss. ❤️ Ich denke an dich

    26. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      ? ja, so ist es. Vielen Dank

      26. Januar 2017
      |Reply
  20. Tina
    Tina

    ❤? Du machst das Richtige! Drück dich ganz fest und sende dir viel Kraft. ?❤

    28. Januar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Vielen Dank liebe Tina❤️

      28. Januar 2017
      |Reply
  21. Sprachlos sende ich Dir etwas, was mehr Wertigkeit in sich trägt als viele Worte <3 Liebe <3 Liebe und Kraft und eine feste Umarmung.

    1. März 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      <3 Ich herze dich zurück!

      1. März 2017
      |Reply

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