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Ich lass‘ dich gehen…

Posted in Muttergefühle

Ich habe eine ewige Liste mit „nie wieder“s mit mir rumzutragen. Eine Liste mit all den Dingen, die es ab nächster Woche nicht mehr geben wird.

Ich muss Abschied nehmen und das fällt mir sehr schwer. Abschied von meiner Gebärmutter. Und damit Abschied von weiteren Kindern.

Nie wieder werden zwei Herzen in mir schlagen.

Nie wieder werde ich ein Ultraschallbild meiner Gebärmutter anschauen und eine kleine Fruchthülse entdecken.

Nie wieder werde ich kotzend über der Toilette hängen, um mir danach lächelnd den Mund abzuwischen, weil ich weiß, dass es genau so sein soll.

Nie wieder werde ich überlegen müssen, ob ich mich besser breit oder quer durch eine Tür quetsche.

Kein Staunen, wie weit sich meine Haut am Bauch dehnen kann.

Keine Wette, ob sich mein Bauchnabel nach außen stülpt.

Keine Presswehen, in denen mein ganzer Körper mir sagt, dass das Baby raus will.

Nie wieder werde ich diese wunderschönen 2 Stunden im Kreissaal verbringen, um mein Baby kennenzulernen.

Keine Mega Dolly Buster Brüste mehr. (Na gut, das ginge vielleicht auch anders)

Kein weiteres Baby, das an meiner Brust genährt wird und so viel mehr aufsaugt als nur Nahrung.

Ich habe meine Plazenta gesehen und meine Nabelschnur selbst durchtrennt. Ich habe zwei fantastische Lebewesen erschaffen. Und fragst du mich, so sage ich „ ja, das könnte ich auch ein weiteres mal!“ Ist das Mutterherz einmal geöffnet, kann es nur noch wachsen.

Schon komisch, dass ein Organ, das so viel Leben erschaffen hat nun die größte Gefahr für mein Leben geworden ist.

Ich sage Tschüss zu Kind 3 und hoffe inständig, dass ich es nicht bereuen werde, dich nicht bekommen zu haben.

Ich sage Tschüß zum Kinderwunsch und hoffe du überfällst mich nie wieder, weil ich dir nicht nachkommen kann.

Ich sage „Du brauchst nicht mehr weiter wachsen, Mutterherz!“ Die Liebe für zwei Kinder reicht für diese Familie aus.

Und ich bitte „Geh weg, Wehmut!“ Ich kann dich kaum noch ertragen. Denn ich möchte keine Babies mehr sehen und hören, wie du mir ins Ohr flüsterst, dass ich das nie wieder haben kann, so wie du es die letzten Wochen getan hast.

Ich lass dich gehen Gebärmutter, doch nimm die Wehmut mit! Dann werde ich die zwei Leben feiern, die du mir geschenkt hast und mein eigenes noch dazu!


Als ich meine Diagnose hier auf dem Blog mit Euch geteilt habe, gab es unheimlich viele Kommentare, die mich in meiner Entscheidung bestärkt haben und mir Mut und Kraft und Gesundheit zugesprochen haben – ich danke Euch allen sehr dafür.

Einige teilte sogar sehr persönliche Geschichten mit mir, um mir bei der Verarbeitung meiner eigenen Geschichte zu helfen und das weiß ich sehr zu schätzen! Vielen Dank ihr Lieben, es war sicher nicht leicht für Euch, mir eure Geschichten zu erzählen und dennoch habt ihr es getan.

Ich möchte auch meiner Schwester besonders danken, die mir den Raum gab, mich auch umentscheiden zu dürfen, selbst wenn niemand anderes auf der Welt dies hätte verstehen können. Danke Anne, unser Gespräch hat mir sehr geholfen.

Ich habe Angst vor der Frage: „Und, wollt ihr noch ein drittes Kind?“, so wie sie mir erst letzte Woche wieder nichtsahnend gestellt wurde. Ich brach sofort in Tränen aus.

Wir alle haben unser Päckchen zu tragen. Und dieses ist meins. Wir alle haben unser Päckchen zu tragen, auch wenn wir es nicht jedem offen zeigen. Die Anzahl an Frauen, die in ähnlichen Situationen sind, wie ich es bin, hat mich in den vergangenen 5 Wochen erschrocken. Und würde die Welt diese Päckchen sehen, dann würde niemand es mehr wagen nach Kinderwunsch und Familienplanung zu fragen.

Mit diesem Beitrag nehme ich an der Aktion „Alle reden über Trauer“ teil, die von Silke vom Blog In lauter Trauer initiiert wurde. Hier schreiben mehr als 50 Blogger über die vielen verschiedenen Facetten von Trauer.

12 Comments

  1. Liebe Katja, vielen Dank für den Mut & die Offenheit, dein Päckchen zu teilen! „Und wie viele Kinder hast du?“ war für mich lange eine der schwersten Fragen. Ich habe zwei wunderbare Kinder hier bei mir. Und ein kleines Mädchen, das nur 18 Tage alt wurde. Lange Zeit sah ich nur Familien mit drei Kindern, und noch heute fühlt sich die Zahl 4 seltsam symmetrisch an. Und doch, das sind wir, ganz genau so. Ahoi & alles Liebe für dich & deine Familie!

    27. Februar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Lieben Dank für deine Worte und deine Geschichte. Stimmt, diese Frage gehört auf jeden Fall auch dazu. Ich drücke dich ganz ganz Fest!

      27. Februar 2017
      |Reply
  2. Jetzt muss ich wieder weinen- Du bist eine wundervolle Mama, eine ganz ganz tolle Frau und ich bin froh, das ich dich kennenlernen durfte.
    Oh wünsche mir, dass Du noch 100 Jahre gesund bleibst um deine Töchter und Enkelkinder begleiten zu können und ich sage #fuckcancer, weil er Dir die Möglichkeit nimmt zu entscheiden.

    Ich denke an Dich
    Deine Dani

    27. Februar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Danke meine liebe Dani! Ich bin auch froh, dass ich dich gefunden hab! ❤️

      27. Februar 2017
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  3. Die Entscheidung ist mies, ganz mies zu treffen und auf der anderen Seite auch ganz klar und einfach, denn ihr habt zwei wunderbare Mäuse, du hast einen Mann, eine Familie, Freunde, Menschen für die du da sein musst und die dich brauchen! 😉

    27. Februar 2017
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    • Katja
      Katja

      Ja, genau so ist es. Ich wünschte nur manchmal es müsste nicht ich sein, die sie zu fällen hat ?

      27. Februar 2017
      |Reply
  4. Ludy
    Ludy

    Hallo Katja,

    Wunderschoen geschrieben. Entschuldige mein verstaubtes Deutsch. Ich wollte nur kurz gruessen, ich denke an dich und mit dir teilen was meine Kousine in Kolumbien mir gesagt hat nachdem ich meine Tochter hatte. Sie hat mir mitgeteilt wie froh sie ist das mein Koerper mir erlaubt hatte dieses Wunder ein Kind zu tragen einmal mitzumachen und es nicht für selbstverständlich halten. Alles gute.

    28. Februar 2017
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    • Katja
      Katja

      Danke liebe Ludy! Da hat sie recht! Es ist ein wahres Wunder, und ich durfte es sogar zwei mal erleben!

      28. Februar 2017
      |Reply
  5. Liebe Katja,
    es ist nie leicht eine Entscheidung zu treffen, gerade so eine große und schwere Entscheidung. Doch du hast eine Entscheidung für dich getroffen. Auch, wenn es sich vielleicht anfühlt, als ob du auf eine Weise die Zukunft besiegelt hast. Auf der anderen Seite hast du deine Zukunft (und gerade die deiner Kinder) so offen gelassen und kannst sie glücklich und gesund genießen.

    Alles Gute, Lara

    28. Februar 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Vielen vielen Dank, Lara! Das hast du unheimlich schön geschrieben ? ?

      28. Februar 2017
      |Reply
  6. Oh mein Gott, ich war in einer Blase verschwunden. Weniger Social Media und schon ziehen Schicksale und Infos an mir vorbei. Das tut mir leid.

    Du warst noch so positiv und nun sitze ich hier und weine. Ich schlucke und schlucke und zack hab ich verloren. Es tut mir leid, meine Tränen sind nicht Deine Last. Ich möchte das nicht. Ich möchte Dir sagen das es mir leid tut. Für Dich, für Deine Gedanken und Deinen Wunsch. Dabei möchte ich lächeln. Lächeln für diese wunderbare starke Frau, deren Zeilen ich hier lese. Lächeln für ihren Willen in positiv in die Zukunft zu sehen und lächeln für diese wunderbare Ausstrahlung. Auch wenn ich Dich nur aus „diesem Internet“ kenne, ich spüre Dein Strahlen und Deine fröhliche Art.

    Katja, Du bist unendlich stark und strahlst unendlich hell – ich möchte Dir zurücklächeln und Dir ein kleines Strahlen schenken. Weil Du es verdient hast.

    Viele Umarmungen (wann lernen wir uns eigentlich live kennen?)
    JesS

    1. März 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ach liebe Jessi, das hast du geschafft, dass ich lächle. Und das hast du sehr gut gemacht! Ein Kennenlernen ist ein MUSS – spätestens auf der Blogfamilia sehen wir uns. Dort zwar ohne die kleinen, aber dann ist Milou auch nicht in der Umarmung eingequetscht 😀 Ich freue mich schon sehr darauf und mag es, in der Zeit nach der OP so viele schöne Ereignisse zu haben.
      Danke für deine lieben Worte, sie tun unheimlich gut!

      1. März 2017
      |Reply

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