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Auf die naht geschaut: Interview mit einer Mompreneur

Posted in Auf die Naht geschaut

Mit Kindern verändert sich plötzlich die ganze Welt – auch die eigene Einstellung zur Arbeitswelt. Ich glaube ich bin nicht die einzige, der das so ergangen ist. Auf einmal Ist das Arbeitszeitmodell, das man bisher hatte nicht mehr attraktiv. Den Wunsch nach Flexibilität verspürt wohl jede Mutter im Laufe ihrer Arbeitslaufbahn.

Ist aber Selbstständigkeit auch gleich Selbstbestimmtheit? Johanna hat den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Und ich habe sie ausgefragt:

Hi, wer bist du? Stell dich doch mal vor.Interview Mompreneur

Hallo! Ich heiße Johanna, bin Anfang 30 und Mutter von bald zweijährigen Zwillingen und einem dreieinhalbjährigen Sohn. Wir wohnen im schönen Norden in der Nähe von Hamburg. Vor gut einem Jahr habe ich mein Baby- und Kindermode Label CURIOUS & CUTE gegründet.

Was ist dein beruflicher Hintergrund? Was hast du vor den Kindern gemacht?

Vor den Kindern habe ich in einem großen Konsumgüterunternehmen im Marketing gearbeitet.

Seit wann gibt es Curious & Cute und wie bist du darauf gekommen?

Wie kam es dazu, dass du eine Firma gegründet hast?

Da ich nach der Geburt der Zwillinge sie nicht gleich abgeben wollte und so erstmal nicht zurückkehren konnte, war ich auf der Suche nach einem Ausgleich für den Kopf. Zeitgleich habe ich oft vergebens nach Kleidung gesucht, die wirklich den Bedürfnissen meiner Kinder entspricht. Für die Kleinen gab es wenige schöne Strampler ohne Füßchen, damit sie ihre Füße erkunden und ihre Wahrnehmung schulen können. Hosen hatten oft enge Bauchbündchen, so dass wir Sorge hatten, dass sie Bauchschmerzen fördern. Außerdem waren die Ärmel oft so lang, dass sie immer wieder über die Hände gerutscht sind und den Handgreifreflex ausgelöst haben, was dem aktiven Greifenlernen nicht förderlich war.

Für unseren Großen gab es kaum schöne Hosen, mit denen er sich richtig bewegen konnte und die er alleine an- und ausziehen konnte. Zudem waren mir die Farben oft zu trist und die Motive zu wenig kindlich. So ist in mir die Idee geboren, mein eigenes Baby- und Kindermode Label, für hochwertige, farbenfrohe Kleidung, die mitdenkt zu gründen und hierbei wirklich auf die Bedürfnisse der jeweiligen Altersklasse einzugehen. Nach vielen Analysen, Diskussionen und natürlich auch Zweifeln habe ich Anfang des letzten Jahres CURIOUS & CUTE gegründet.

Was hast du bisher als Entwicklung für dich mitgenommen?

Durch mein Label lerne ich gefühlt jeden Tag etwas hinzu. Am Anfang war es total spannend mir zu überlegen, wofür CURIOUS & CUTE steht, welches Logo dazu passt und wie die Kleidungsstücke designed sein sollen. Ich habe mich mit anderen Eltern, Hebammen und Physiotherapeuten unterhalten und so herausgefunden, was die einzelnen Parteien bei Kinderkleidung für wichtig erachten. Da ich all diese unterschiedlichen Anforderungen in meine Schnitte übersetzen wollte, waren auch die ersten Schnittmuster eine Herausforderung. Ich habe sie immer wieder an vielen Babys und Kindern im Umkreis getestet und weiterentwickelt, bevor ich sie auf den Markt gebracht habe. Außerdem habe ich es gelernt, viel selbstbewusster gegenüber großen Lieferanten aufzutreten, um als echte Geschäftspartnerin wahrgenommen zu werden. Dies war sehr wichtig, da man als Mompreneur schnell in die „Nähmutti-Schiene“ gesteckt wird und so kein großes Potential in einem gesehen wird. Essentiell für den Erfolg meiner Marke ist auch, dass es mir mittlerweile viel leichter fällt die Bedürfnisse von Kunden schnell zu erkennen und sie gezielt danach zu beraten.

Was ist das Besondere an Curious & Cute?

Das Besondere an CURIOUS & CUTE ist, dass alles unter dem Motto steht, Kinder dürfen einfach Kinder sein. Sie sollen sich über die Motive und Farben freuen und die Kleidungsstücke gerne anziehen. Ich möchte, dass meine Kleidung Babys und Kinder beim Großwerden unterstützt und nicht behindert einengt oder beim An- und Ausziehen stört. Meine Kleidung soll sich ihren Bedürfnissen anpassen, und nicht sie sich ihrer Kleidung. Als Mutter schmerzt es mich immer, wenn ich beispielsweise Kinder mit engen Jeans sehe, die damit nicht richtig klettern oder auf dem Boden sitzen können – solche Situationen möchte ich gerne vermeiden. Außerdem sind mir praktische Aspekte wichtig, wie dass die Hosen mitwachsen und Kinder damit alleine auf Toilette gehen können. Damit man meinen Kleidungsstücken auch vertrauen kann, werden alle Stücke nach hohen Qualitätsstandards zu 100% in Deutschland handgefertigt. Zudem setzen wir ausschließlich hochwertige, nach dem ÖkoTex Standard 100 zertifizierte Stoffe ein.

Interview Mompreneur
Photocredit: Anja Hackert Fotografie

Was bedeutet das Mompreneursein für dich?

Mompreneur sein ist für mich gerade eine gute Chance Kinder und Beruf zu vereinen. Ich bin sehr flexibel in meinen Arbeitszeiten und kann, wenn die Kinder krank sind, für sie da sein und meine Arbeit erledigen, wenn sie schlafen. Außerdem kann ich meine Ideen verwirklichen, sie testen und weiter optimieren. Das macht richtig Spaß und gibt mir die Möglichkeit mich persönlich weiterzuentwickeln. Seitdem ich eine Schneiderin zur Unterstützung angestellt habe, habe ich das Gefühl, dass mein Label richtig Fahrt aufnimmt. Auf der anderen Seite stellt mich dies natürlich auch unter Druck gut zu verkaufen und neue Kollektionen und Produkte auf dem Markt zu bringen. Oft würde ich mir wünschen, dass der Tag mehr Stunden hat, damit ich noch mehr Ideen umsetzen kann…

Oh ja, das kennt wohl jede Mutter…

Natürlich sind mit dem eigenen Business auch Risiken verbunden. Ich habe ein nicht unerhebliches Startkapital gebraucht, um sehr gute Nähmaschinen, Atelierausstattung und hochwertige Stoffe zu kaufen. Auch für das Marketing muss ein gewisses Budget vorhanden sein, um Bekanntheit aufzubauen. Außerdem hatte ich noch nicht in allen Bereichen der Selbstständigkeit Erfahrungen. Somit habe ich auch die ein oder andere Entscheidung getroffen, die sich im Nachhinein als ungeschickt herausgestellt hat. So habe ich viel gelernt, aber natürlich auch Zeit und Geld verloren. Insgesamt kann ich aber für mich sagen, dass die Chancen im Vergleich zu den Risiken auf jeden Fall deutlich überwiegen und ich froh bin, diesen Schritt gewagt zu haben. Mein Herz macht immer einen kleinen Freudensprung, wenn ich zufällig ein Kind mit einem CURIOUS & CUTE Kleidungsstück glücklich herumtollen sehe.

Mutter und Selbstständigkeit, wie funktioniert das? Hattest du dir das vorher so vorgestellt?

Ich muss mich sehr gut organisieren und auch fokussieren, damit ich in meinen begrenzten Arbeitszeiten alles Wichtige schaffe. Sobald die Kinder zu Hause sind, möchte ich ihnen das Gefühl geben, komplett für sie da zu sein. Da sich natürlich auch der Haushalt nicht von selbst erledigt, haben mein Mann und ich uns ihn aufgeteilt, so dass ich die notwendigen Freiräume zum Arbeiten habe. Natürlich heißt dies auch, dass ich gerade sehr wenig Zeit für mich selbst habe. Da mir aber das Arbeiten Spaß macht und sich Kinder und Label gut entwickeln, ist das in dieser Phase völlig in Ordnung.

Interview Mompreneur
Photocredit: Anja Hackert Fotografie

Gibt es besondere Herausforderungen, die nur „Mompreneurs“?

Eine echte Herausforderung ist, dass Mompreneurs nicht am Anfang einer Selbstständigkeit ihre gesamte Energie hinein stecken und so voll durchstarten können. Vor den Kindern war ich gewöhnt, Vollzeit in einem großen Unternehmen zu arbeiten. Es ist mir schwer gefallen zu sehen, wie viel langsamer alles mit einer reduzierten Stundenanzahl und ohne Mitstreiter geht. Ich habe mir regelmäßig viel zu enge Ziele gesetzt und war dann mit mir unzufrieden. Zum Glück ist meine Planung mittlerweile deutlich realistischer, auch wenn ich sie natürlich nicht immer einhalten kann.

Ich habe eine Schneiderin angestellt, die einen Teil der Produktion übernimmt. Hinzu kommt eine Praktikantin, die mich in vielen Marketingthemen unterstützen kann. Auch mein Mann hat einige Themen übernommen, so dass ich mehr Zeit habe, mich mit strategischeren Themen zu beschäftigen und mein Label voranzutreiben.

Außerdem federt man als Mompreneur meist alle Kinderthemen wie Krankheiten, Arzttermine und Kita-Schließzeiten ab, da man sich vor keinem Arbeitgeber rechtfertigen muss. Das heißt natürlich auch, dass diese „verlorene“ Arbeitszeit zu einem anderen Zeitpunkt wieder reingearbeitet werden muss. Wenn beide Partner angestellt wären, würden sich die außerplanmäßigen Einsätze wahrscheinlich stärker auf beide verteilen.

Was würdest du einer Mutter raten, die sich auch selbstständig machen will?

Mutig sein! Wenn sie für eine erfolgsversprechende Idee wirklich brennt, das nötige Startkapital hat und sich gut organisieren kann, würde ich ihr raten es auf jeden Fall zu versuchen. Gerade wenn sie noch in der Elternzeit ist, kann sie dies nebenberuflich mit Zustimmung ihres Arbeitgebers risikoärmer machen als wenn sie dafür direkt ihren Job kündigen müsste. Wenn ihr Partner sie dabei unterstützt, ist dies natürlich auch sehr hilfreich, weil auch Arbeitszeiten am Abend oder Wochenende liegen können. Perfekt ist, wenn er sogar inhaltlich unterstützen möchte und es so zu einem gemeinsamen Projekt wird. Auch wenn eine Selbstständigkeit nicht immer einfach ist und auch Höhen und Tiefen hat, ist es ein tolles Gefühl, wenn man selbst ein eigenes Business zum Laufen bringt…

Vielen Dank, Johanna, für diesen spannenden Einblick in dein Leben als Unternehmerin.

Habt ihr noch weitere Fragen an Johanna? Dann schreibt sie im Kommentar auf und wir werden sie im Laufe der Serie beantworten!

Interview Mompreneur
Photocredit: Anja Hackert Fotografie

Dieses Interview ist Teil der Serie „Auf die Naht geschaut“– In der ich Johanna und ihr Label CURIOUS & CUTE begleite. Nächste Woche enthüllen wir zusammen ein super spannendes Projekt!

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