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Wenn Oma nicht spielen will

Posted in Gastbeiträge

Manchmal beobachte ich Großeltern, die sind total vernarrt in ihre Enkel. Schon eine kleine Momentaufnahme reicht und ich kann sofort sehen: das sind tolle Großeltern. Was aber tun, wenn das Interesse der Großeltern am Kind nicht aus allen Poren spritzt, und man sich fragt, ist das Enkelkind Freude oder Pflicht? Was wenn Oma nicht spielen will?

Anna (Name geändert) ist hier heute zu Gast. Sie wohnt mit ihrem kleinen Sohn und Mann viele Stunden entfernt von ihrer eigenen Familie. In ihrer unmittelbaren Umgebung können sie nur auf Unterstützung einer Oma setzen, doch dies gelingt nicht immer, was Anna oft traurig macht:

Oma will nicht spielen

Mein erstes Haus besaß ich mit nicht einmal drei Jahren. Mein Opa bastelte mir aus einem riesigen Pappkarton ein kleines Häuschen. Ich liebte es dort drinnen zu liegen und zu spielen, später spielte ich dort begeistert mit meinen Cousinen. Wir tollten gemeinsam im Garten herum und hatten eine schöne Zeit. Oft spielten unsere Großeltern mit uns, wir verbrachten Zeit zusammen. Meine Eltern? Die saßen derweil auf der Terrasse, tranken Kaffee unterhielten sich oder lagen auf der Sonnenliege.

Denke ich an meine Kindheit zurück, dann erscheint es mir als selbstverständlich, dass wir viel Zeit mit meinen Großeltern (auf beiden Seiten) sowie Cousinen und Cousins verbrachten. Wir waren am Wochenende dort, bekamen Besuch oder fuhren zusammen in den Urlaub. Unzählige Bilder, Videoaufnahmen und Erinnerungen erzählen davon, was für eine große Bedeutung der Rest meiner Familie, neben meinen Eltern für mich hatte.

Erst jetzt, wo ich selber ein Kind habe, merke ich, dass diese gemeinsame Zeit und Entlastung, die meine Eltern dadurch erfuhren nicht selbstverständlich ist. Ich wünsche meinem Kind so sehr ähnliche Erfahrungen. Doch es scheint als sei dies nicht möglich und das macht mich traurig.

Wir leben sehr weit weg von meiner Familie, mal eben zu Besuch vorbei schauen ist unmöglich. Uns trennen viele Stunden Reise. Ich weiß nicht ob es perfekt wäre, würden wir um die Ecke wohnen. Aber ich wüsste, dass viele Menschen nah bei uns wären, auf die wir bauen könnten.

Großeltern, die gerne mit ihrem Enkel spielen, aktives Interesse zeigen. Auch meine Großeltern leben noch, ein wahres Geschenk und es ist toll, dass mein Sohn bei Besuchen ein bisschen von dem erfahren kann, was ich als Kind so mochte, ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich verstehe warum wir früher oft bei ihnen waren, es war eine Art Urlaub für die ganze Familie. Das Kind begeistert am Spielen, die Eltern waren “abgemeldet” und konnten entspannen.

Als unser Sohn noch ein Baby war, habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, wie wichtig Familie um einen (mich!) herum ist. Eine Familie zu haben bedeutet für mich auch für einander sa zu sein, sich gegenseitig zu entlasten.

Es kam der Punkt wo mein Mann und ich da saßen und merkten, wir haben niemanden in unserem Umfeld. Wir sind größtenteils auf uns alleine gestellt und das ist anstrengend. Denn in unmittelbarer Nähe wohnt nur meine Schwiegermutter. Der Bruder meines Freundes ist leider kurz nach der Geburt des Cousins ins Ausland gegangen. Was ich auch sehr schade finde, unsere eh schon kleine Familie vor Ort, wurde noch kleiner.

Es ist keine einfache Situation und ich weiß nicht, was der Schlüssel ist. Ich fände es schön zu wissen, wir könnten zu den Großeltern um dort einen entspannten Tag verbringen zu können. Ab und an sind wir bei der Oma, klar. Doch die Momente in denen wir Eltern die Füße hoch legen können sind rar. Ich wünschte mir ein: “Ich geh mit meinem Enkel mal eine Runde auf den Spielplatz.” Initiative und Interesse seitens der Oma.

Meine Schwiegermutter sagte uns beiden öfters, sie will sich nicht aufdrängen. Das ehrt sie und vielen wünschen sich vielleicht diese Rücksicht. Jedoch haben wir immer wieder erwidert, dies tut sie nicht. Wir würden es ihr schon mitteilen. Genauso haben wir ihr direkt gesagt, dass sie ruhig von sich auf uns zukommen darf, wenn sie etwas mit ihrem Enkel unternehmen möchte. Ideen kamen genug, Taten ließen auf sich warten…

Ich will nicht alles schlecht machen und unsere familiäre Situation an einer Person festmachen. In Situationen, wo wirklich Hilfe benötigt wird, wenn ich einen Termin habe und wir waren schon mal  ohne Kind essen, da hat sie auf ihn aufgepasst.

Leider ist das Fragen nach Hilfe öfters ein kleiner Tanz. Die Reaktionen meiner Schwiegermutter sind öfters (was mein Mann und sein Bruder ähnlich empfinden) so, dass man das Gefühl hat, andere Termine seien erstmal wichtiger. Es kommt das Gefühl auf, sie sei sehr mit ihrem eigenen Leben beschäftigt, dass wir nur Platz haben, wenn es halt passt. Und ich kann mir vorstellen, dass es anstrengend ist zu wissen, man ist die einizige Hilfe nahem Umfeld des Sohnes. Ich habe genau darüber mit ihr geredet und sie verneinte die Last. Doch auch hier fehlten wieder die Taten und die eigene Initiative.

Glücklicherweise haben wir eine Babysitterin gefunden. Sie wohnt wirklich nah und wir können mit ihr problemlos einen Termin vereinbaren. Mein Mann sagt zwar, dass er ungern für das Babysitting Geld zahlen möchte, doch was ist die Alternative? Wir merken, dass wir ab und an Zeit für uns brauchen. Eine zusätzliche Lösung haben wir uns überlegt, nämlich einen Leihopa zu suchen.

Manchmal frage ich mich, erwarte ich zu viel? Ist die heutige Großelterngeneration eine andere? Ist es nicht mehr die Oma im Schaukelstuhl, sondern sind es Menschen, die nach dem Motto “mit 66 fängt das Leben an” leben? Ja, bin ich unmodern, weil ich mir wünsche, dass eine Oma (oder Opa, wenn möglich) ihre (Enkel-) Kinder empfängt und von sich aus Zeit mit ihnen verbringt fernab von Momenten, wenn es sein muss, weil die Eltern Termine haben? 

Kindheiten sind anders, weil sich die Welt, das Leben verändert. Doch macht es mich traurig, wenn ich daran denke, dass mein Sohn (bis jetzt) nur wenig ähnliche Erfahrungen mit seinen Großeltern gemacht hat, wie ich sie erlebte.

Liebe Anna, ich danke dir für deine sehr ehrlichen Worte und hoffe für Euch, dass ihr irgendwann ein Verhältnis zueinander entwickelt, dass dir gefällt und das du dir für euren Sohn wünscht. Als jemand, der keine Oma in der Nähe hat, kann ich dich in vielerlei Hinsicht verstehen! Ich finde es übrigens sehr rücksichtsvoll, dass du anonym bleiben wolltest, um die Gefühle der Oma nicht zu verletzen. Das gibt viel Hoffnung für eure Beziehung zueinander!

Deine Katja

Wie ist das bei euch? Wünscht ihr euch auch mehr Interesse von Seiten der Familie? Oder ist es etwa das Gegenteil, dass ihr euch manchmal wünschen würdet ganz weit weg von der “lieben Familie” zu wohnen?

Unsere Omas wohnen beide nicht in der Nähe, trotzdem versuche ich, dass beide die Mädchen oft sehen und eine Beziehung zu ihnen aufbauen können.

7 Comments

  1. Katinka aus LE
    Katinka aus LE

    Da wir in Frankreich leben, sind meine Eltern weit weg und wir verbringen unseren Sommerurlaub bei meinen Eltern, in denen meine Kinder all das erfahren, was ich mir wünsche. Leider nicht oft genug. Aber der Kontakt ist sehr eng dank Skype & Co. Die Eltern meines Mannes, die nicht weit weg von uns leben, interessieren sich allerdings leider kaum für unsere Kinder. Mein Mann hat den Kontakt komplett abgebrochen, aber ich gehe ab und an hin, um den Kontakt zwischen Grosseltern und Enkelkindern aufrecht zu erhalten, obwohl es nicht einfach ist, wenn man immer das Gefühl hat, sich aufzudrängen. Wenn wir Hilfe brauchen, ist keine da. Unsere Kinder sind jetzt 9 und 5 Jahre alt und wir sind seit Geburt der Kinder auf uns allein gestellt. Das ist traurig, aber nicht zu ändern. Damit müssen wir klarkommen und haben es bis jetzt geschafft. Jetzt, wo die Kinder grösser sind, wird es einfacher, weil wir sie auch mal ne Stunde allein lassen können, um z.B. zu zweit zu joggen. Das ist für uns schon ein Aufatmen und für uns als Paar sehr wichtig. Ich denke, man kann es sich leider nicht aussuchen und muss das Beste aus jeder Situation machen.

    23. Juni 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Liebe Katinka, das hört sich an, als hättest du deinen Frieden mit der Situation gemacht und das finde ich sehr schön. Schade, dass es manchmal so kommt. Ich hoffe, dass ich als Oma immer einen engen Kontakt zu meinen Enkeln haben werde (genau so wie ich mir einen engen Kontakt zu meinen Töchtern wünsche 🙂 ) Vielen dank für deinen Kommentar!
      Katja

      23. Juni 2017
      |Reply
  2. Der Gastbeitrag von „Anna“ hat bei mir ins Schwarze getroffen. Auch wir wohnen ein paar Autostunden von unseren Familien entfernt und würden uns wünschen, wenn unser Babymann im Rudel aufwachsen könnte, so wie auch wir aufgewachsen sind. Umso trauriger, dass Anna’s Schwiegereltern ihr diese Unterstützung verwehren. Sie wissen gar nicht, was ihnen dabei selbst entgeht!

    Liebe Grüße Isabell

    aka mamabellita

    http://mamabellita.wordpress.com

    23. Juni 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ich glaube auch, dass oft verkannt wird, dass es nicht nur eine Entlastung für die Eltern ist, sondern auch eine Bereicherung für die Großeltern! Meine Mama zum Beispiel ist 5-Fach Oma und man merkt ihr an, dass sie das Jung hält!

      23. Juni 2017
      |Reply
  3. Polly
    Polly

    Der Beitrag hätte 1:1 so von mir sein können. Allerdings kann ich das noch immer nicht so friedlich schildern, denn ich bin richtig sauer auf diese Großeltern, die so viel Zeit haben und für die alle anderen Termine wichtiger sind als ihr einziger Enkel.
    Ansonsten ist es haargenau die gleiche Situation. Der Bruder meines Mannes ist ins Ausland gegangen. Meine Eltern wohnen etwas weiter entfernt und Eigeninitiative durch die Großeltern, die quasi um die Ecke wohnen, gibt es auch nach ‚zig Gesprächen nicht. Das „nicht -Einmischen“ fand ich am Anfang auch ehrbar, aber wirkt es am Ende nur wie Desinteresse. Sie selbst hatten damals auch immer Unterstützung durch ihre Eltern und Geschwister und jetzt brauchen sie ihre Ruhe. Auf mich wirken sie einfach seht egoistisch. 🙁
    Wir sind ebenfalls auf Babysitter angewiesen und freuen uns ansonsten über unser kleines Netzwerk, das wir uns in der Nachbarschaft geschaffen haben.
    Liebe Grüße und alles Gute
    Polly

    10. Juli 2017
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    • Katja
      Katja

      Liebe Polly,
      ich finde deinen Ärger vollkommen verständlich und irgendwie wünscht man sich ja auch, dass die Großeltern für die Kinder da sind. Ich finde es unheimlich wichtig, dass Kinder auch zur älteren Generation Kontakt haben, und dies kommt nunmal meist durch die Großeltern. Bei uns im Kindergarten gab es zum Beispiel mal eine Vorlese-Oma und die Kinder haben es total genossen. Wie sollen die Kinder sonst den Umgang und die Rücksicht auf Ältere lernen?
      Und ganz ehrlich, ab und an eine Entlastung zu haben, schadet ja auch nicht! Vor allem, wenn ihr sonst niemanden habt!
      Liebe Grüße
      Katja

      10. Juli 2017
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      • Polly
        Polly

        Liebe Katja,
        tatsächlich war das für uns auch immer ein Argument, wenn sie meinten, dass sie ja auf dem Spielplatz nicht mehr hinterher klettern könnten. Für mich war klar, dass mein Sohn genau dadurch ja auch die Grenzen und Unterschiedlichkeiten der Menschen und hier eben von älteren Menschen kennen und akzeptieren lernt. Die Kleinen erwarten ja nicht, dass alle alles gleich machen. In der Kita läuft einiges schon anders als zu Hause und bei den Großeltern eben auch.
        Und mittlerweile glaube ich auch nicht mehr, dass sie jemals erkennen, was sie verpassen. Sollten Sie am Ende wirklich kaum eine Beziehung zum Enkel haben, werden sie einfach uns die Schuld dafür geben oder sie sogar gar nicht erst vermissen.
        Es ist traurig, aber auch merkwürdig zu sehen wie vielen es heute so geht. Scheint echt eine andere Großeltern-Generation zu sein.
        Liebe Grüße
        Polly

        11. Juli 2017
        |Reply

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