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Vorhof zur Hölle

Posted in Allgemein

Kaum 9 Tage hat es gebraucht bis Amerika mich zum Weinen gebracht hat. Ok, nach der Wahl am Sonntag hat Deutschland auch das Potenzial dazu, aber es war kein Trump-Wähler, kein Obdachloser (von denen es hier auch erschreckend viele gibt) und auch nicht eine schreckliche Vermissung meiner Familie und Freunde, die mich haben weinen lassen. Es war ein Kindergarten. Genauer unser Kindergarten. Der Kindergarten, in den Milou und Ida gehen sollten.

Alles war perfekt deutsch geplant! Wir hatten gleich im Juli angerufen und man sagte uns es wären Plätze für Ida und Milou da. Alles gar kein Problem und wir sollten einfach vorbei kommen, wenn wir in Salt Lake City sind, dann bekämen wir alles weitere. Alles easy, alles undbürokratisch, alles amerikanisch nett. Ist doch super. 
Vor einem Monat dann, bekam ich Angst, weil wir ja nichts schriftlich hatten. Also rief mein Mann nochmal an, wir wurden fast ausgelacht, während man uns versicherte, dass die zwei auf der Liste stehen und natürlich im Oktober anfangen können. Puh, da haben wir deutschen Kartoffeln ja mal wieder den Kontrolletti raushängen lassen. Alles alright! 
Mit diesem tollen Gefühl alles unter Kontrolle zu haben fahren wir also gestern zum Kindergarten. Fußweg 10 min – perfekt! Ein schattiger große Garten – perfekt. Netter sympathischer Vater, der gerade sein Baby zur Betreuung bringt – Bingo! 
Und dann öffnen wir gemeinsam die Tür und ich falle direkt von meiner flauschigen Betreuungswolke auf den dreckigen Teppichboden des Kindergartens – ähm sorry, Preschool heißt es hier. 
Eine dicke sommersprossige Frau mit fettigen blonden Haaren nimmt uns in Empfang. Sie gehört wohl zu der unfreundlichen Sorte und kann sich noch nicht mal beim Anblick meiner Kinder ein Lächeln rausdrücken – später werde ich sehen, dass dies wohl Einstellungskriterium der Einrichtung ist.

Wir stehen mitten in einem fast sternförmigen Raum, in jede Ecke ist eine Gruppe gequetscht, die aber nur durch Holzkästen getrennt sind. Aber die Geräusche aller 0-3-Jährigen treffen sich in der Mitte. Genau dort wo wir stehen. Sofort stehen 4 der 2-Jährigen an ihrem Kasten und schauen uns staunend an – vielleicht weil wir die einzigen Personen sind, die Lächeln, vielleicht weil sie uns sagen wollen „bloß nicht hierher“. 

Die Dame mit der wir sprechen ist die stellvertretende Leitung. Sie erklärt uns eigentlich nur, dass für Milou erst ab Februar wieder ein Platz frei ist. Ida kann aber sofort in ihre Gruppe, wenn wir es wollen. Alles, was sie über ihren Kindergarten zu sagen hat ist: „Wir lassen die Kinder spielen, weil wir glauben dass sie so am besten lernen.“ Jedes Spielzeug, das ich sehe ist alt und versifft. Selbst die Kinder kommen mir verrotzt vor.

Sie unterbricht kurz dass Gespräch, weil sie das Frühstück kurz aus dem Ofen holen will. Ich sehe lauter Sitzbänke mit Papptellern und Pappbechern  und null Charme. Was für eine Atmosphäre für ein gemeinsames Essen – ein Essen, dass alle 0-3 Jährigen zusammen einnehmen werden. 

 Wir gehen in den Garten und sofort jubeln meine Ohren. Es ist leise und fast idyllisch. Der Garten ist immer noch sehr nett, die Bäume geben Schatten und es scheint der einzige Ort zu sein, an dem es sauber ist. 

Wir reden über das Essen, ob ich eine oder gar zwei Mahlzeiten mitgeben soll. Nein, das brauche ich alles nicht, wir müssen lediglich mitteilen ob Allergien vorhanden sind. Mein Mann macht einen Scherz über vegetarisches Essen und sie sagt: „Oh ich glaube nicht an fleischloses Essen, ich bin Jägerin!“ – OK.

Wir gehen zum anderen Gebäude. Dort ist Idas potenzielle Gruppe – Die Vorschüler!  

Wir betreten den Raum und auch hier ist es angenehm still. Als wir um die Ecke schauen, sehen wir wohl auch den Grund für die Stille. Auf einer Bank liegt eine dicke dunkelhaarige Erwachsene. Sie schläft. Die größeren Kinder sind wohl aus Rücksicht zur ihr so leise. Irritiert schauen mein Mann und ich uns an und er sagt  mir:“Ach, hier werden wohl auch Obdachlose beherbergt! Wie nett!“ So zynisch bin normal nur ich. Von Seiten der Jägerin wird die sleeping Beauty übrigens noch nicht mal kommentiert. Ist doch das normalste von der Welt. Die Kinder sitzen ruhig am Tisch und malen und eine Erzieherin sitzt in der Ecke. Beteiligung von Erziehern ist hier wohl auch eher nicht erwünscht. Aber vielleicht werde ich jetzt unfair – ich bin ja keine Erzieherin. 

Die Kosten für diesen Alptraum sind übrigens: ca. 600$ pro Kind im Monat. 

Als ich nach der Eingewöhnung frage, – und ja, ich weiß hier ist das anders- sagt die Jägerin mir: „Sie können dabei sein, aber wir Amerikaner glauben daran, dass es leichter für das Kind ist, wenn es die Mutter einfach nicht sieht“. 

Ich bin unglaublich traurig, weil meine beiden Mädchen sich so auf den neuen Kindergarten gefreut haben und ich sie dort niemals hin lassen kann. 

Zum Glück beschließen wir noch in der Sekunde als wir hinausgehen zum nächsten Kindergarten zu fahren. 

Im Auto male ich mir schon aus, dass ich die zwei Jahre hier mit den Kindern zu Hause verbringen werde und wie sie kein Wort englisch sprechen werden, wenn wir zurück sind. 

Beim neuen Kindergarten begrüßt uns eine sehr gut gelaunte dynamische junge Frau und mein Herz hofft. 

Ich mache es kurz: Es wurde uns ein tatsächliches Konzept vorgestellt. Alle hatten ein Lächeln für uns übrig, die Räume sind hell und offen gestaltet und dennoch sehr gut getrennt. Es gibt eine Art Turnhalle und eine eigene Köchin, die jeden Tag alle Mahlzeiten zubereitet und immer frisch kocht! Und auch wenn amerikanisches sauber anders ist als deutsches (das haben wir schon bei der Wohnung gemerkt), so ist es sauber, ordentlich und freundlich. 

Ich werde die Mädchen zwar nicht zu Fuß bringen können, aber das nehme ich in Kauf. Jetzt müssen nur noch zwei Plätze frei sein (das erfahren wir noch, aber es sieht wohl sehr gut aus) und die Preschool-Zeit kann losgehen! 

Und da ist schon das angekündigte Weinen. Auf dem Parkplatz prasseln die Tränen meine Wangen runter, so erleichtert bin ich. Mein Herz war richtig schwer geworden in der ersten Einrichtung und alles was mein Kopf sagte war: „Was tust du deinen Kindern denn hier an?“ 

Ida hat gleich beim zweiten Kindergarten gesagt: „Ja hier ist es schön! Nicht so schleimig, wie bei dem ersten! Kann ich lieber in diesen Kindergarten gehen?“ 

Und ich hoffe ich werde bald „ja“ sagen dürfen. Denn das kann ich dann wenigstens mit gutem Gewissen! 

Eure (nicht mehr weinende) Katja

PS: Wie erging es euch denn so bei der Kindergartenwahl? In Deutschland hatten wir total viel Glück mit unseren Tagesmüttern und dem Kindergarten. Es hätte uns schlimmer treffen können! 
Habt ihr euren Wunschkindergarten bekommen? Oder lebt ihr mit einem Kompromiss? 

Heute waren wir das erste Mal auf dem Spielplatz in der Nähe unseres Hauses! So soll das Kinderherz aufwachsen!

12 Comments

  1. Hi Katja,
    Mensch das klingt ja echt total schrecklich. Ich kann dich so gut verstehen. Ich drücke euch ganz doll die Daumen, dass es für deine beiden in dem schönen Kindergarten klappt. Es ist echt nicht einfach seine Kinder abzugeben, aber wenn schon, dann sollen wir Mamas wenigstens ein halbwegs gutes Gefühl dabei haben. Alles Liebe Michaela http://www.mamablog-mamamichi.com

    27. September 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ja, ganz genau so ist es! Ich hoffe es werden zwei Plätze frei!

      27. September 2017
      |Reply
  2. Oh ha, du lehrst mich, dass es immer noch schlimmer geht! Ich hoffe für euch, dass es eine Zusage gibt! ♥️
    Wir leben mit einem Kompromiss! Die Kitasituation in Leipzig ist sehr angespannt. Die Kleine hatte erst einen Platz am anderen Ende der Stadt. Dort hat sie sich sehr wohlgefühlt und es gab viele tolle Angebote. Auf Dauer war uns der Weg dennoch zu weit (1Std. hin/ 1Std. zurück und das zweimal am Tag). Wir hatten Glück und haben etwas in der Nähe bekommen. Eine Kita, die erst vor zwei Jahren öffnete. Problem: Ständige Personalfluktuation und immer noch kein richtiges Konzept. Alles nicht wirklich einfach und oft sehr ärgerlich!

    27. September 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Oh das glaube ich dir! Das mit der Fahrerei wäre mir auch zu viel gewesen.
      Ich finde in Deutschland geht man immer so illusorisch ran und denkt man kann selbst aussuchen!

      28. September 2017
      |Reply
  3. Oh Gott… oder besser: Oh my God!!
    Was. Für. Ein. Alptraum!

    Und, wie schlimm es für die Eltern sein muss, die ihre Kinder tatsächlich bei dem ersten Kindergarten lassen müssen. Weil sie keine andere Wahl haben…
    und, wie noch viel schlimmer für die Kinder, die dort sind, und das vielleicht gar nicht wollen…

    Freue mich sehr für euch, dass ihr eine Alternative gefunden habt!!
    Bleib stark und zuversichtlich!!
    Und, um es in Nina Ruges Worten zu sagen: Alles wird gut!

    28. September 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ja, das glaube ich auch! Notfalls bleiben sie bei mir…

      28. September 2017
      |Reply
  4. Alu
    Alu

    Ohhh. Ich halte von amerikanischen System echt nix. Ich hab ja mal be Zeitlang in California gelebt und ehrlich für Kinder eher so uff. Haltet durch. LG Alu

    2. Oktober 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Danke liebe Alu! Durchhalten ist wohl das Schlagwort. Wir sind eben auch echt was anderes gewohnt! Liebste Grüße zurück!

      2. Oktober 2017
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      • Eva
        Eva

        Also, das kann ich so nicht stehenlassen. DAS amerikanische System gibt es nicht (wie bei so vielen Dingen!), sondern eher eine ungeheure Vielfalt an Daycares und Preschools und weniger staatliche Reglementierung als in Deutschland. Man muss sich einfach genau umsehen und informieren, was man für seine Kinder möchte. Ich lebe im Mittleren Westen und bei uns war es genau andersherum: tolle Erfahrungen mit zwei verschiedenen Preschools hier, wenig Begeisterung über unseren Kindergarten während eines langen Deutschlandaufenthalts, den wir noch dazu nicht wechseln konnten, weil man froh sein musste, überhaupt einen Platz zu haben.

        Was die Eingewöhnung angeht, kenne ich das auch so, dass die hier kaum bis gar nicht stattfindet. Ich finde das ehrlich gesagt auch ziemlich brutal und habe meine Kinder anfangs einfach nach kurzer Zeit wieder abgeholt, diese Möglichkeit sollte Dir ja offenstehen. Ich vermute, die fehlende Eingewöhnungszeit liegt auch daran, dass sich die meisten Arbeitnehmer/innen hier für sowas nicht so einfach frei nehmen können. Und viele Kinder in meinem Umfeld waren ohnehin nur stundenweise in der Preschool, z.B. drei oder vier Mal die Woche drei Stunden (meist aus Kostengründen).

        Katja, ich hoffe, ihr habt mittlerweile eine gute Lösung gefunden! Ich wünsche euch weiterhin ein gutes Ankommen, die Natur eurer Umgebung sieht jedenfalls traumhaft aus. Du kannst mir gern emailen, falls Du Fragen zum Leben in USA hast.

        3. Oktober 2017
        |Reply
        • Katja
          Katja

          Danke, dass du dir so viel Zeit für deinen Kommentar genommen hast und auch dafür, dass du für die amerikanischen Daycares in die Bresche springst! Vielleicht fehlt mir auch das Vokabular, aber bisher habe ich einfach nicht viel Vielfalt in der Nähe gefunden, aber es gibt ja nicht nur Google. Sicherlich ist es einfacher, wenn man nicht so wie wir hineingeschmissen wird! Wir lassen uns gerade auf eine Kita ein, schauen uns aber parallel weiter um.
          Vielen lieben Dank nochmal!

          3. Oktober 2017
          |Reply
  5. Liebe Katja,

    die Beschreibung des Kindergartens erinnert mich sehr an den Kindergarten, den wir nach unserem Umzug für das Zicklein hatten! Sie hat jeden Morgen geweint, wenn ich sie dort abgegeben habe, und es schien niemanden zu interessieren. Mir brach jeden Morgen das Herz, weil ich sie dort abgeben MUSSTE und ich habe oft auf dem Weg zur Arbeit geweint.
    Glücklicherweise haben wir nach 3 Monaten einen Platz in einer anderen Kita hier im Ort bekommen, in der sie sich sehr wohlfühlte.
    Aber die Erfahrungen haben tief gesessen und es war ein langer Weg, ehe sie das alles vergessen konnte.
    Ich freue mich sehr für Euch, dass Ihr so schnell eine Alternative gefunden habt und Du nicht darauf angewiesen warst, Deine Kinder in dieser Einrichtung zu lassen!

    Liebe Grüße
    Lotti

    6. Oktober 2017
    |Reply
    • Katja
      Katja

      Ja, das habe ich mir auch gedacht! Wie schrecklich wenn es nicht anders geht! Bevor ich Kinder hatte, dachte ich immer, dass man sich selbst die Kita aussucht. Das können wohl nur die ganz frühen!
      Schön, dass ihr wenigstens nach 3 Monaten wechseln konntet.
      Liebste Grüße!

      6. Oktober 2017
      |Reply

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